Du hechelst durch die Stadt mit einer Million Einwohnern. Beliebte Jogging-Strecke. Es ist menschenleer. Normalerweise flanieren hier alle. Es ist beliebt: Ein Plätzchen am Main, auf einer Decke sitzend, Getränk in der Hand, Blick auf die Skyline. Das Wetter ist zum Wegwerfen. Eine Mischung aus Regen und sehr feinen Hagelkörnern.

Die Hagelkörner piksen nur
angenehmer als der Regen
sie machen nicht nass

Auf der ganzen Strecke, immerhin neun Kilometer, begegnest du niemandem. Wirklich gar niemandem. Spätestens am Druckwasserwerk mit den Rohren und Industrieaufbauten fällt dir die postapokalyptische Stimmung auf.
“Auch keinem Zombie?” fragt dich ein Kollege, als du das später erzählst.
“Nein, es war wirklich niemand zu sehen. Aber unter den Masken sieht man ja auch nicht, wer ein Zombie ist” ist deine spontane Antwort.

Der letzte Kilometer
die Sonne kommt raus
April-Wetter im März


“Warum zögerst du? Traust du mir nicht?”, sagt gleich zu Beginn der Zebrastreifen. “Ich passe auf dich auf.”

“Danke, doch, ich traue dir, aber ich sehe instinktiv nach links und rechts, wenn ich dich überquere. Das geht nicht gegen dich.”

“Mich hast du nicht mal beachtet. Ich weiß, ich bin hässlich”, weint die alte DB-Zentrale.

“Du bist nicht hässlich, du bist brutal. Das ist halt dein Architekturstil. Dafür kannst du nichts.”

“Hey, wo willst du so schnell hin?”, fragt die Galluswarte. “Bleib hier und trink einen mit. Ich bin das größte Wasserhäuschen weit und breit.”

“Nach dem Joggen vielleicht”, antworte…


17:42 Uhr in der Rue Mercière mit bestem Blick auf die Kathedrale in Strasbourg. Circa zweihundert Menschen trinken Bier oder Glühwein. Es wird aus den Fenstern zweier Restaurants ausgeschenkt. Man hält ein Schwätzchen, raucht eine Zigarette. In achtzehn Minuten beginnt das couvre-feu, die Ausgangssperre. Bis dahin muss alles fertig geraucht und ausgetrunken sein. Alle müssen nach Hause zurückkehren. Man darf zwischen achtzehn Uhr und sechs Uhr die eigene Wohnung nicht verlassen.

Mein Tag, so schnell vorbei

warte auf mich

mein Glas ist bald leer

mein Körper seelenlos

nutze den Tag


Eierlikör ist ein seltsames Gesöff. Es ist süß, bitzelt auf der Zunge, fast scharf, klebrig wie Kleister, so dass man kaum annehmen kann, es wäre irgendwie trink- oder gar genießbar. Aber das ist es. Man kann damit Punsch machen und wenn man es pas du tout trinken will, könnte man noch Aquarelle damit malen oder es zum Body-Painting verwenden. Es gibt mannigfaltige Verwendungszwecke für Eierlikör.

Die IHF — die Internationale Handballföderation — veröffentlicht gar keine Weltrangliste mehr. Sie wurde im Jahr 2019 abgeschafft, nachdem sie mehrere Jahre nicht mehr aktualisiert worden war. Das ist gut so, denn sonst würde man…


Strasbourg hat überall in der Stadt einige Parks und Grünflächen zu bieten. Der schönste Park in der Stadt ist aber die Orangerie. Es gibt einen sehr schönen Teich, sehr gepflegte Blumenbeete, Buchsbäume und Hecken, verschlungene Wege und in der Mitte des Parks den Pavillon Joséphine, welchen man auch für Feiern und Ausstellungen mieten kann. Auch ein Schachturnier findet jährlich darin statt.

Trevor hatte sich angekündigt. Er besuchte uns an einem Wochenende. Obwohl er aus Deutschland mit dem TGV anreiste, hatte er ein halbes Dutzend Flaschen mit seinem selbstgebrauten, naturtrüben Schwarzbier dabei. Schnell reifte die Idee, in der Orangerie zu picknicken…


Online treffe ich fünf Freunde in Zoom. Wir berichten uns, wie unsere Woche war. Außerdem haben wir das Diskussionsthema “Hoffnung entwickeln — Visionen teilen”. Später wollen wir abwechselnd über Hoffnung und Visionen sprechen. Das Gespräch lässt mich mit einer Erkenntnis zurück. Aber dazu komme ich noch …

In Strasbourg gab es kürzlich ein Erdbeben der Stärke 3,5 auf der Richterskala. Umweltschützer vermuten seit langem die Ursache im Geothermie-Kraftwerk in unmittelbarer Nähe der Stadt. Es ist nicht das erste Erdbeben, das in dieser Region darauf zurückgeführt wird. Die Dementi folgten auf dem Fuß. Gegner und Befürworter der Geothermie schenkten sich in…


22.11.2020

Der zentralste Platz der Stadt heißt wörtlich übersetzt Mann aus Eisen, homme de fer auf Französisch und Isernemannsplatz auf Elsässisch. Hier kreuzen sich fast alle Tramlinien Strasbourgs. Menschen strömen in die Stadt oder aus ihr heraus oder steigen hier einfach nur um.

Der homme de fer ist in normalen Zeiten der ideale Platz, um Geld zu verdienen. Ganze Bettler-Clans sitzen an mehreren Ecken und Zugängen des Platzes, im Winter oft nur auf einem Pappkarton, der die Kälte der Straße etwas abhält. Die Bettler sind nicht ganz verschwunden, aber sie sind deutlich weniger geworden.

Direkt vor meinem Fenster — ich…


15.11.2020

In einer Hotellobby sehe ich ein Mädchen mit einer Louis-Vuitton-Handtasche. Keine junge Frau, wirklich ein Mädchen. Es ist etwa zwölf Jahre alt. Seine Mutter unterhält sich gerade mit einem Hotelpagen. Man kann sich früh an Luxus gewöhnen.

In der Maslowschen Bedürfnispyramide finde ich keine Handtaschen. Dort stehen Dinge wie Sicherheitsbedürfnisse und Selbstverwirklichung.

“Therapie ist oft rausgeschmissenes Geld für Luxusprobleme”, sagt Till Lindemann.

Burnout, ein Luxusproblem.

Traumata des Erwachsenwerdens, ein Luxusproblem.

Erinnerung an Flucht und Vertreibung, ein Luxusproblem.

Eine Ehekrise, ein Luxusproblem.

Wenn das die Luxusprobleme sind, dann ist die Therapie der eigentliche Luxus, oder nicht?

Sieh her, ich kann…


24.10.2020

Ich schaue eine fünfteilige Dokumentation über die USA auf ARTE. Noch währenddessen — ich bin gerade in der Mitte der dritten von fünf Folgen — gehe ich auf Twitter und beantworte die Tweets einer republikanischen Jugendorganisation absichtlich beleidigend. Ich bin auf die Reaktion gespannt. Ich sehe das als Experiment.

Ich sehe ein Video einer Räumungsaktion französischer Polizisten in Paris. Die Zielobjekte der Aktion sind weder Islamisten noch Gelbwesten noch aggressiv demonstrierende Landwirte. Es sind Besucher von Bars, die nach 21:00 Uhr ihr letztes Glas Bier noch leertrinken wollten. Das ist zurzeit verboten. Was man bei uns als Waffenstillstand falsch…


27.09.2020

Ich renne nach verschiedenen Geschäftsterminen mal wieder zum Zug. Verpasse ihn knapp und sehe ihn noch aus dem Bahnhof fahren. Ich schwitze in meinem Anzug, bin leider viel zu stark außer Atem. Was soll’s, der nächste ICE fährt glücklicherweise vom gleichen Gleis in nur fünfzehn Minuten. Er fährt sogar schneller ein, weil er von diesem Bahnhof aus startet, also hier bereitgestellt wird. Es ist noch keine Anzeige an, doch alle, die den Zug davor verpasst haben, wie ich, steigen schon mal ein, in der Hoffnung, es ist der richtige Zug. Tatsächlich ist er es.

Als wir kaum zehn Minuten…

Jürgen Artmann - Pendelbewegungen

Jürgen Artmann, Unternehmer, Europäer, Pendler… beobachtet den Alltag und schreibt darüber.

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